Artikel aus der Allgemeinen Zeitung, Landskrone vom 08.11.2008 / Lokales Oppenheim

Kultur der Erinnerung - Von Bettina Rau-Alpermann
9. November 1938: Eine einzige Nacht genügt, um alles zu zerstören, was über Jahrhunderte als gemeinsame Geschichte von Juden und Christen in Deutschland gewachsen war. Eine einzige Nacht? Und der Judenhass womöglich nur ein Spuk? Tatsächlich gehört der Antisemitismus schon immer zur abendländischen Kultur. Die Nazis haben ihn nicht erfunden, sondern auf die Spitze getrieben. Sie konnten sich dafür in einem Arsenal uralter Verleumdungen bedienen, die auch aus kirchlichen Quellen stammten. In Verbindung mit dem Rassismus entstand so eine Ideologie, die zur Vernichtung des europäischen Judentums führte. Eine Nacht - mit einer langen Vorgeschichte. Zu dieser gehört auch (und das wird leider oft vergessen), dass Christen und Juden in Europa, trotz des geschehenen Unrechts, eine lange Geschichte des Miteinanders verbindet. Noch heute zeugen die Reste ihrer Kultur davon, dass die Juden in unseren Dörfern und Städten als Mitbürger einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Wirtschafts- und Kulturgeschichte geleistet haben. All das aber war in dieser Nacht nichts mehr wert.

Eine zweite Erkenntnis gehört zur Erinnerung an diesen Tag: Die Synagogen brannten nicht nur in den Städten, die Pogromnacht war kein urbanes Phänomen. Auch in den rheinhessischen Dörfern wurden Synagogen zerstört und jüdische Mitbürger durch die Straßen getrieben, bespuckt, geschlagen, verhöhnt. Die Bevölkerung stand Spalier, und es waren nicht bloß ein paar wenige. Was uns die Erinnerung ebenfalls lehrt: Wie schwach die Dämme der Zivilisation sein können! Und wie schnell Kräfte entfesselt sind, in denen die Saat menschenverachtender Propaganda ihren Nährboden findet. Vernunft und Demokratie haben nicht immer verhindert, dass wirtschaftlicher Neid, Existenzangst und Größenwahn sich zur passenden Zeit ihre Sündenböcke suchen. Die Völkermorde am Ende des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan und in Zentralafrika zeigen uns, dass Institutionen und Werte gegen den Ausbruch der Barbarei bis heute wenig ausrichten können. Morgen ist es 70 Jahre her, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagogen brannten. Der zeitliche Abstand zu diesem Ereignis wird größer, die Zahl der lebenden Zeugen kleiner. Das verpflichtet uns zur Erinnerung von Generation zu Generation. Denn eine Kultur der Erinnerung hilft, die gesellschaftlichen Dämme gegen Intoleranz und Fanatismus zu sichern.

Bettina Rau-Alpermann ist Pfarrerin und wohnt in Guntersblum.

 

 

   
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